Die mexikanische Angelegenheit

Das nachfolgende Gespräch wurde am 10. Januar 1904 zwischen Maurice Paléologue und der Kaiserin Eugénie geführt.

Die mexikanische Expedition lastete schwer auf dem Schicksal des Zweiten Kaiserreiches. Wie kam all dies zustande?
Ich schäme mich Mexikos nicht; ich bedauere es, erröte darob aber nicht. Die Mexiko-Expedition ist einer der Fälle, den die Ungerechtigkeit und die Verleumdungen am meisten gegen uns ausgesprochen haben. Im Gegenteil, es war das Ergebnis einer sehr erhabenen Überlegung, die Frucht einer sehr hohen politischen und zivilisatorischen Gedankens war: Ich versichere ihnen, daß in den Uranfängen der Unternehmung die finanziellen Spekulationen, die Eintreibung von Schuldforderungen, die guten Jeckers, die Bergwerke von Donora und Sinaloa gar keine Rolle spielten. Erst viel später trachteten die Agioteure und Spitzbuben von der Gelegenheit Nutzen zu ziehen. Mein Gemahl, damals als Gefangener von Ham, hatte schon im Jahre 1846 davon geträumt, in Mittelamerika ein starkes lateinisches Reich Reich aufzurichten, das den Begehrlichkeiten der Vereinigten Staaten den Weg verlegt hätte. Er hat dabei hauptsächlich Nicaragua ins Auge gefaßt, weil er dort den Durchstich eines die Ozeane verbindenen Kanals für am leichtesten hielt. So nahm er den rasch die Gelegenheit einer französischen Intervention in Mexiko wahr, als die Diktatur Juarez`von neuem die revolutionären Leidenschaften entfesselte, während der Sezessionskrieg die Staaten der Union gegeneinander ins Feld stellte.
Wann hat der Gedanke daran bei Napoleon III feste Gestalt genommen?
Im Jahre 1861 in Biarritz durch mich. Im Herbst 1861 in Biarritz hatte ich eine Unterredung mit einem mexikanischen Emigranten namens Don José Hidalgo, den ich schon vor Jahren in meinen vertrauten Kreis aufgenommen hatte. Meine Folgerung war, daß die Mächte, die die meisten Konnationalen in Mexiko hatten, das heißt Frankreich, England und Spanien, dort ohne Verzug sehr energisch einschreiten sollten, um die Ordnung mit Hilfe der konservativen Partei wiederherzustellen. Nachdem Napoleon III Interesse daran zeigte, traten andere Emigranten in Erscheinung: Almonte, Gutierrez, Iglesias, Monsignore Labastida und der Pater Miranda.
So wurde im Geheimen eine großzügige klerikale und monarchistische Kombination ausgearbeitet, in der Frankreich die Seele und das einzige Werkzeug sein sollte; denn man dachte, daß sich die englische und spanische Hilfe auf die zeitweilige  Besetzung einiger mexikanischer Häfen beschränken würde. Es wurde überlegt, welch katholischer Fürst in Frage käme, das ausgedehnte Reich Montezumas und Guatimozins wiederherstellen könnte. Man schwankte zwischen dem Herzog von Modena, dem Herzog von Parma, Don Juan von Bourbon, dem Herzog de Montpensier und dem Herzog d`Aumale. Nach langem Schweigen sprach sich Napoleon III. für den Erzherzog Maximilian, Bruder des Kaisers Franz Joseph, aus. Die Wahl des Habsburgers schien durch Anpassungsfähigkeit, den hohen Geist und die liebenswürdigen Eigenschaften gerechtfertigt, die er einige Jahre früher bei der schwierigen Regierung des lombardo-venetianischen Königreiches verraten hatte. Andererseits war er mit der Prinzessin Charlotte von Belgien verheiratet; der große Eifluß, den sein Schwiegervater, der König Leopold, am Londoner Hofe besaß, konnte ihm wertvoll sein.
Ich will nicht verbergen, daß die Erhebung eines österreichischen Erzherzogs auf den Thron von Mexiko im Gedanken meines Gemahls einmal als Argument dienen sollte, um von Franz Joseph dei Abtretung Venetiens an Italien zu erlangen. So wäre das Programm vom Jahre 1859 vollkommen verwirklicht worden: Italien wäre dann frei bis zur Adria.

Ist ihnen die praktische Unmöglichkeit eines Erfolges nicht sofort aufgefallen?
Ach! wir haben uns über die Stärke des Widerstandes und die Verwicklungen, die unser harrten, getäuscht. Oder man hat uns vielmehr getäuscht…ohne Zweifel im besten Glauben. Ich klage niemanden an. Aber sie kennen nicht die glänzenden Aussichten, die man vor uns erstrahlen ließ. So versicherte man uns, daß das mexikanischeVolk die Republik verabscheute und die Ausrufung einer Monarchie begeistert begrüßen würde; daß ein katholischer Fürst aus erstem Hause und von edlem Auftreten, wie der Erzherzog Maximilian, mit offenen Armen unter Triumphpforten und Blumen empfangen werden würde; daß die Vereinigten Staaten, die selbst der Bürgerkrieg spaltete, mit unserem Eingreifen abfinden würde.
Aber, um alle diese Flausen richtig einzuschätzen, genügte es doch, die englischen und amerikanischen Zeitungen zu lesen – die gleichlautenden und wiederholten Ankündigungen, die aus London und Washington, von Lord Russel und Präsident Lincoln zukamen, daß in der Vorstellung des mexikanischen Volkes die monarchische Idee mit der Erinnerung an den spanischen Absolutismus und die katholische Tyrannei verknüpt sei; daß die Vereinigten Staaten niemals die Herrschaft eines Habsburgers auf dem Festlande des freien Amerika anerkennen und dulden würde?
In der mexikanischen Angelegenheit werden der Kaiser und ich immer verdammt sein, weil sie in Queretaro ihren Abschluß fand! Aber, um uns gerecht zu werden, wird man nicht vergessen dürfen, daß wir mehrere Male – so zum Beispiel nach dem Einmarsch unserer Truppen in Mexiko, nach dem siegreichen Feldzug Bazaines in den Nordprovinzen, nach dem warmen Empfange Maximilians in seiner Hauptstadt – glauben konnte, daß Unternehmen gelingen würde…Zudem konnten wir nicht anders handeln, als wir gehandelt haben. Die Ehre der Fahne, die Unterschrift Frankreichs waren engagiert: wir mußten in unseren Anstrengungen bis zur äußeren Grenze des Möglichen fortfahren.

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Quellennachweis: „Vertrauliche Gespräche mit der Kaiserin Eugenie“, Maurice Paléologue, Paul Aretz Verlag Dresden 1928.

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