Napoleon III. und I. – ihre Leiden und deren fatale Auswirkungen

Einfluß des schmerzvollen Blasenleidens Napoleon III auf seine politischen und militärischen Entscheidungen

PROF. DR. V. FAUST, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinaldirektor i. R., Ravensburg meint folgendes dazu:

Unter den Großen dieser Welt gilt Napoleon III. als “mediokre (mittelmäßige) Persönlichkeit”. Die Geschichtsschreibung beurteilt ihn eher ungünstig, vor allem weil ihm letztlich die Erfolge in der Innen- wie Außenpolitik versagt blieben (was trotz moralischer Bedenken oft genug der entscheidende Punkt im Urteil der Menschheit ist und bleibt…).

Charles Louis Napoleon Bonaparte (1808 – 1873) war der Neffe von Kaiser Napoleon I. Aufgewachsen im schweizerischen und deutschen Exil galt er nach dem Tod von Napoleons Sohn, dem Herzog von Reichstadt (siehe Napoleon I.) als das Haupt der Familie Bonaparte und fühlte sich zur Glorifizierung seines großen Vorfahren und zur Wiedererrichtung des napoleonischen Kaisertums in Frankreich berufen. Das eine würde man in seiner Position akzeptieren, das andere bei Kenntnis der Geschichte als unmöglich halten, doch es gelang:

Nach vergeblichen Putschversuchen gegen den französischen König Louis Philippe wurde er zur lebenslänglicher Haft verurteilt, entfloh nach England und entwickelte dort sein politisches Programm (plebiszitärer Cäsarismus), das bei den Franzosen nicht ohne Faszination blieb. Denn er kehrte nach Frankreich zurück, beteiligte sich an der dortigen Präsidentschaftswahl und gewann mit 74% der Stimmen (“prince président”). Einige Jahre später folgte der Staatsstreich mit umfassenden Regierungsvollmachten, von einem Volksentscheid legitimiert, womit nach Napoleon I zum zweiten Mal ein erblicher (!) Kaiser der Franzosen ausgerufen wurde. Zwar vermochten ihm die demokratischen Kräfte nach und nach die wichtigsten oppositionellen Forderungen nach größerer politischer Freiheit wieder schrittweise abzuringen, doch blieb er die zentrale Staatsfigur. Sein außenpolitisches Ziel war die europäische Ordnung des Wiener Kongresses zum Vorteil Frankreichs umzugestalten. Deshalb beteiligte er sich an nationalen Erhebungen (Krim-Krieg, Italien, Balkan, Polen), was ihm aber letztlich doch keine Vorteile brachte, weil ihn sein wichtigster Gegner, der deutsche Reichskanzler Bismarck sowohl politisch als auch im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 überwand. Er geriet nach der Kapitulation von Sedan in preußische Gefangenschaft und verstarb nach seiner Entlassung in England, wo er auch bestattet ist.

Über Napoleon III gibt es – vor allem im Gegensatz zu seinem berühmten Vorfahren – kaum pathographische Aufzeichnungen. Und doch ist er ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die körperliche Gesundheitsstörung eines Staatsoberhauptes und zugleich Feldherrn den Gang der Geschichte beeinflussen kann – diesmal zum Vorteil der Deutschen und ihrer politischen Einigung. Napoleon III. litt an Blasensteinen. (Anmerkung meinerseits: Oft ist auch die Rede von Gallensteinen, wie in dieser Rezension meiner Buchempfehlung  Johannes Willms, “Napoleon III. – Frankreichs letzter Kaiser” beschrieben ist.) Dieses Leiden ist überaus schmerzhaft und zermürbend und heute kein urologisches Thema von Belang mehr. Damals aber konnte es offenbar die Geschichte verändern. Denn die Blasen-Koliken wurden schließlich so stark, dass sie seine – ursprünglich eindrucksvolle – Willens-, Entschluss- und Widerstandkraft entscheidend herabsetzten. Er entwickelte ein krankhaftes Bedürfnis nach Ruhe, zeigte kaum mehr Aktivität und Initiative und ließ die Dinge treiben. Er wurde auch zunehmend resigniert und niedergeschlagen. Dazu kamen sowohl politische als auch wirtschaftlich teure politisch-militärische Rückschläge wie das mexikanische Abenteuer und der Krim-Krieg. Dies alles, seine gesundheitliche Lage und die politischen Fehlentscheidungen trieben ihn immer mehr in eine Art fatalistische Passivität, was vor allem seine ehrgeizige Gemahlin, die Kaiserin Eugenie ausnützte. (Anmerkung meinerseits: Ich sehe Eugenie heute nicht mehr so negativ behaftet. Siehe Linkseite Artikel von “Golo Mann” und “Offenbarungen der Kaiserin”).

Nur so lässt sich eigentlich sein unzweckmäßiges Verhalten während des österreichisch-preußischen Krieges von 1866 erklären. Zwar ließ er französische Truppen am Rhein aufmarschieren, um die Preußen zu beunruhigen und zumindest einen Teil ihrer Streitkräfte zu binden, hob diesen Befehl jedoch später wieder auf. Jeder der die Geschichte kennt, weiß, dass ein bewaffnetes Eingreifen Frankreichs Preußen in Schwierigkeiten gebracht hätte. Aber die Geschichte war offenbar mit Bismarck, denn gerade zu dieser Zeit plagte Napoleon III. wieder sein Steinleiden mit immer wiederkehrenden (und deshalb besonders zermürbenden) Koliken. Es wird berichtet, dass er damals sehr elend, verfallen und regelrecht zerquält ausgesehen habe und sich kaum richtig bewegen konnte – ein schwer kranker Patient, dem alle wichtigen geistigen und körperlichen Gaben genommen waren, und das in dieser Position und Zeit (zur Diskussion stehender Fachbegriff: algogenes Psycho-Syndrom, also schmerzbedingte geistig-seelische Beeinträchtigung).

Bismarck hat dies später bestätigt: Nicht einmal die französische Armee, eine einzige Division hätte nach seiner Ansicht gereicht, um die Preußen, die damals in den böhmischen Engpässen steckten, zum Rückzug zu zwingen. Denn vor allem das Großherzogtum Baden und die Pfalz hätten sich gerne hinter den Franzosen verschanzt und damit wohl ganz Süddeutschland gegen die Preußen auf die Beine gebracht. “Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir hätten Berlin decken können”, gab Bismarck später zu.

Und ein zweites Mal griff das Schicksal in Form Napoleons körperlichen Leidens und damit seelischen Folgen einschließlich psychosozialer Konsequenzen ein, im Krieg 1870/71. Zwar wollte er nicht den Krieg, konnte sich aber gegen die Kriegspartei seiner Regierung, unterstützt durch seine Gemahlin, nicht durchsetzen. Deshalb die unglücklichen diplomatischen Schritte, die wiederum Bismarck geschickt ausnützte und zuletzt die militärische Führungslosigkeit der französischen Armee, die mit ihrer vernichtenden Niederlage durch die Preußen und der Gefangenschaft ihres Kaisers endete.

Dabei war allen Beteiligten im engeren Kreis um Napoleon III. klar, wie es um sein seelisch-körperliches Befinden stand. Zuletzt hielt man ihn für so geschwächt, dass man nicht einmal mehr einen chirurgischen Eingriff empfehlen wollte. Und vor allem gab man diese ärztliche Erkenntnis nicht weiter, nicht einmal an die Ehefrau, geschweige denn an die Regierung. Entsprechend aufgeklärt hätte man den derart körperlich und in der Folge geistig-seelisch zermürbten Kaiser als Oberbefehlshaber der Franzosen nicht in den Krieg ziehen lassen, was sich militärisch als entscheidendes Debakel herausstellte.

Napoleon III kapitulierte bei Sedan und lies seine Soldaten nicht im Stich.  Um weiters Blutvergiessen zu vermeiden begab er sich in Gefangenschaft.

Anmerkung: Die Chroniken berichten, daß Napoleon III. bei Sedan sich an vorderster Front befand und auf und ab ritt, in der Hoffnung, von den Preußen abgeschossen zu werden und um  seinem Leiden ein Ende zu bereiten. Diesen Gefallen taten sie ihm nicht.

Ganz anders liest sich die gesundheitliche Beurteilung von Napoleon I:

Napoleon I. (1769 – 1821), geboren in Korsika als Napoleone Buonaparte, wurde auf der Militärschule zum Artillerie-Offizier erzogen, schloss sich nach dem Bruch mit der korsischen separatistischen Bewegung (Flucht auf das französische Festland) der herrschenden Partei an, wurde nach dem Sturz des revolutionären Diktators Robespierre aus der Armee entlassen, dann mit der Niederschlagung des royalistischen Aufstandes beauftragt, zum Befehlshaber der französischen Italienarmee und damit zu einem der jüngsten Generäle ernannt. Er begann seine selbstherrliche Politik (Friedensschlüsse) und war im Aufstieg zur Macht nicht mehr aufzuhalten. Zuerst Oberbefehl über die französische England- und schließlich Ägypten-Armee (jeweils erfolglos), dann Sturz des Direktoriums (der damals höchsten politischen Macht Frankreichs), Einsetzung einer Konsulatsverfassung (wovon er einer der drei führenden Politiker war), geniale Organisation eines zentralistischen Herrschafts- und Verwaltungssystems, Konkordat mit dem Papst, zuerst Friedenspolitik, dann Konsul auf Lebenszeit und schließlich selbstgekrönter erblicher “Kaiser der Franzosen”, vom (politisch und finanziell abhängigen) Papst geweiht.

Heirat von Josephine de Beauharnais (und damit schon als junger Offizier gesellschaftlicher Aufstieg), Einsetzung seiner Verwandten (Brüder und Schwager) zu Fürsten und Königen abhängiger Territorien, Schaffung einer Elite von Großwürdenträgern und Marschällen (napoleonischer Neu-Adel), Förderung prunkvoller klassizistischer Kunst (Empire-Stil), aber in geistiger Hinsicht drückende Zensur (Polizeiministerium). Schließlich Krieg mit Großbritannien, mehrere Kontinentalkriege (gegen Österreich, Preußen, Russland), dabei aus politischen Gründen Scheidung und Heirat der österreichischen Kaisertochter Marie-Louise (ein Sohn, Herzog von Reichstadt), Kontinentalsperre gegen England (wirtschaftlicher Niedergang aller Betroffenen), politische Fehlentscheidungen, schließlich Angriff auf Russland und damit militärisch-politische Wende durch die Freiheitskriege. 1814 Abdankung, Wohnsitz auf der Insel Elba (als Souverän mit Kaisertitel!), eigenmächtige Rückkehr nach Frankreich (überraschende Landung, Herrschaft der 100 Tage), schließlich entscheidende Niederlage bei Waterloo und lebenslängliche Verbannung auf die britische Insel St. Helena. Drei Jahrzehnte nach seinem Tod triumphale Überführung seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom nach Paris.

Fazit: genialer Heerführer, uferloser Machtdrang, absolutistischer Herrscherwille, langfristig bedeutungsvolle juristische, politische und sogar militärische Entscheidungen, aber auch viel Leid, Blut, politische und kulturelle Umwälzungen. Nach seinem Tode vor allem Aufbau der “napoleonischen Legende” (“Freiheit der Völker”), was ihn aber wohl kaum als wichtigstes Macht-Motiv bewegt haben dürfte.

Es gibt keine historische Persönlichkeit, die so viele kontroverse Diskussionen ausgelöst hat wie Napoleon Bonaparte. Dies gilt auch für die Psychiater und Psychologen mit pathographischem Interesse.

Schon die genetischen (Erb-)Voraussetzungen ließen ein bewegtes Leben ahnen. Der “sozial grenzwertig” geltende Vater war von maßlosem Ehrgeiz, hochgradiger neurotischer Spannung, unermüdlicher Aktivität, dabei geistig beweglich, den Kopf stets voller Projekte (oder konkreter: Illusionen). großsprecherisch, skrupellos, egoistisch. Die Mutter dagegen ernst, beständig, praktisch-nüchtern, streng, moralisch integer, wenn auch ängstlich-unsicher. Praktisch alle Geschwister und die Mehrzahl der engeren Angehörigen in irgendeiner Weise seelisch auffällig. Auch Napoleons Körpergröße (knapp über 1,50 m) und sonstige körperliche Auffälligkeiten (z. B. Gesichts-Asymmetrie) ließen schon früh (über-)kompensatorische Kräfte ahnen. Dazu vegetativ überempfindlich: wetterabhängig, Muskelticks, häufig Kopfschmerzen, psychogene (?) Krämpfe. Schon als Schüler auffällig, später letztlich undurchschaubares Charakter-Phänomen. Beide Söhne psychisch auffällig (und völlig erfolglos).

Napoleons positive Persönlichkeitseigenschaften sollen hier nicht weiter diskutiert werden. Sie sind unbestritten, wie anders hätte ein Mensch eine solche militärische und politische Leistung erbringen können (und dies noch für ein Land, das gar nicht das seine war: Napoleon empfand sich zwar auch nicht als Korse, auf jeden Fall aber nicht als Franzose). Trotzdem eine kurze Übersicht zu seinen wichtigsten

- positiven Charaktereigenschaften: Konnte zu bestimmten Personen “echte” Liebe und Zuneigung zeigen, vor allem zu seiner Mutter und Amme, war aber auch zu allen Familienmitgliedern fürsorglich (selbst wenn es politisch unklug und von offensichtlichem Nachteil wegen deren ebenfalls problematischer Wesensart war). Nüchtern, praktisch, strategisch denkend, konsequent und beharrlich, dabei empfindsam, fantasiereich, leidenschaftlich, unerschöpfliche Arbeitskraft, scharfes Urteilsvermögen, hohe Intelligenz sowie faszinierendes militärisches Organisationstalent. Außerdem energisch, entschlussfreudig, durchsetzungsfähig, Meister der Taktik, ob auf diplomatischem Parkett oder in der Schlacht, schöpferische Fantasie, Weitblick, “Tatmensch”, humorvoll, Visionär u.a.

Doch überwältigend sind auch die negativen seelischen, psychosozialen und sogar körperlichen Eigenschaften, die man Napoleon zuspricht. Einzelheiten siehe die Fachliteratur (gute Zusammenfassung: W. Lange-Eichbaum/W. Kurth: Genie, Irrsinn und Ruhm. Band 8: Die Politiker und Feldherrn, Ernst Reinhardt-Verlag, München-Basel 1992). Nachfolgend nur einige wenige Stichworte zur

- negativen Charakter-Beurteilung: Galt schon als Kind und Jugendlicher als “bösartiger Wildling, falsch, “Meister der Lüge”, skrupellos, verschlossen, exzentrisch, abergläubisch, linkisch, unsicher, nervös, kalt, schroff, hart bis zur Grausamkeit, rücksichtslos, besonders gegen Schwächere, nervös, aber auch melancholisch, scheu, verschlossen, finster sowie mit Anfällen von Wut und Raserei bis zu Erbrechen und Zuckungen (den Kameraden ein “heimliches Grauen”).

Später, als General, Staatslenker und Kaiser änderten sich die Begriffe, aber kaum der irritierende Hintergrund: maßloser Machthunger, rücksichtsloser Egoismus, wilder, brutaler Triebmensch (dabei kursieren bedenkliche Gerüchte über sein erotisches bis sexuelles Verhältnis zu den Geschwistern beiderlei Geschlechts, zu Frauen im Allgemeinen und seinen Ehefrauen im Speziellen). Dazu ständig nervös und reizbar, gesteigerte Empfindsamkeit bis hin zu Weinkrämpfen (z. B. wenn er Goethes “Werther” las; das berühmte Treffen zwischen Napoleon und Goethe in Erfurt begann übrigens mit diesem Thema. Einzelheiten zu diesem Buch siehe das spezielle Kapitel über Werther). Aberglauben mit geradezu abergläubischen Zwangsvorstellungen. Unfassbare Wutanfälle, selbst in peinlichsten Szenen (schlug, peitschte, trat) bis hin zu grenzenloser Zerstörungswut (Möbel, Kunstwerke, Kinder, Tiere), wälzte sich auf der Erde vor Zorn. Terrorisierte alle (“der Kaiser ist vollständig verrückt”). In kritischen Situationen nicht der Übermensch der Geschichtsdarstellung, sondern ängstlich, feige, ließ dann alle im Stich (Russland, Waterloo). Im Rahmen seiner staunenswerten Urteils- und Arbeitskraft sowie Rücksichtslosigkeit auch großer Schauspieler und vor allem Meister in der Menschenausnützung (“ich bin nicht wie ein anderer Mensch, und die Gesetze der Moral und der Schicklichkeit können für mich nicht in Betracht kommen”).

Doch das alles sind Wesenszüge, Charaktereigenschaften, selbst wenn die Grenze zum Vertretbaren überschritten ist. So lauten dann auch die Diagnosen in dieser Hinsicht: Neurose, Persönlichkeitsstörung (Psychopathie) u.a. Das hat sicherlich Folgen im Umgang mit Partner, Familie, Freundeskreis, insbesondere aber im beruflichen Alltag als Politiker, Diplomat, Militär und – wie im Falle von Napoleon – als Gesetzgeber, kultur- und wirtschafts-bestimmende Autorität u.a. Es muss aber noch nicht von psychiatrischer Relevanz im eigentlichen Sinne sein. Doch auch hier gibt Napoleon zu wissenschaftlichen (kontroversen) Diskussionen Anlass. Um was handelt es sich?

- Psychiatrische und neuropsychologische Aspekte: Hier sind es vor allem zwei neurologische Krankheiten mit seelischen und psychosozialen Folgen, nämlich Epilepsie und Narkolepsie, die bei Napoleon diskutiert werden. Die eigenartige “Schlummersucht” Narkolepsie scheint es weniger gewesen zu sein. Sie ist aus mehreren krankhaften Komponenten zusammengesetzt, die bei Napoleon wohl nicht zutreffen.

Etwas anderes ist die Frage der Epilepsie. Für die “Fallsucht” sprechen einige gewichtige Argumente. So litt er immer wieder an augenblicklichen Bewusstseinsverlusten, grundloser Heftigkeit sowie Krämpfen und nachfolgender Benommenheit, wie schon früh geschildert wurde. Auch wurden zumindest zwei regelrechte epileptische (große, also als Fachausdruck Grand-mal) Anfälle geschildert, und zwar in jeweils ungünstigsten Situationen, z. B. die Schlacht bei Aspern sowie in Sachsen. Da man bei Napoleon nicht nur eine Asymmetrie des Gesichtes, sondern auch einen angedeuteten “Wasserkopf” (Fachbegriff: Hydrozephalus) vermutet, schien auch eine organische Ursache nicht völlig abwegig.

Die Wehr-Psychiater (Militär-Psychiater) interessieren sich für dieses Phänomen besonders. Sie schreiben (zitiert nach Brickenstein, 1980):

Es besteht kein Zweifel, dass Napoleon mehrfach durch massive anfallsartige Gesundheitsstörungen in seinen Entschlüssen beeinflusst wurde… Manchmal verfiel er aus einer intensiven geistigen Tätigkeit heraus in tiefen Schlaf oder auch einen Zustand totaler Geistesabwesenheit, in dem um ihn herum alles aus seinem Bewusstsein entglitt… Nach den anfallsartigen Ausbrüchen folgten stets starke Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Mattigkeit. Menschen, die an solchen und ähnlichen Zuständen leiden, sind oft von einer auffallenden Überempfindlichkeit gegen bestimmte Sinneseindrücke gezeichnet. Das traf auch auf Napoleon zu… Im Jahre 1809 lässt seine Frische, sein Wille und seine Entschlusskraft sowie das blitzschnelle Handeln einen deutlichen Knick erkennen. In der Schlacht von Aspern (Mai 1809) zeigt sich zum ersten Mal, dass seine Aktivität nicht mehr die alte war. Seine Gegner wunderten sich darüber, dass der Kaiser nach seinem glänzendem Sieg die Österreicher nicht verfolgt und vernichtet habe. Damals traten auch merkwürdige Schlafzustände auf. Er schlief 36 Stunden. Diese Schlafzustände wiederholten sich in der Schlacht von Wagram (Juli 1809). Mitten im Getümmel des Kampfes legte sich Napoleon nieder und schlief 20 Minuten wie ein Toter. War es wirklich nur eine Erschöpfung, wie einige vermuten? Wieder verzichtete er darauf… den geschlagenen Gegner zu verfolgen, so dass die Krönung des taktischen Erfolges, die Vernichtung des Gegners, unterblieb… Auch unmittelbar vor Beginn der Schlacht bei Austerlitz schlief er so fest ein, dass er nur mit großer Mühe geweckt werden konnte… kurz vor dem russischen Feldzug dauern seine Entrücktheitszustände bisweilen stundenlang. Dann springt er plötzlich mit einem Schrei auf: “Wer ruft mich?”, wandert unstet durchs Zimmer und murmelt: “Nein, es ist noch zu früh”.

Später kamen zu diesen sonderbaren Zuständen noch ein Magengeschwür mit Schmerzen und Krämpfen, was seine bekannte Befehls-Flexibilität weiter untergrub und offensichtlich zusätzlich für verhängnisvolle Verzögerungen sorgte… Immer wieder zeigten sich jene unerklärlichen Bewusstseinsstörungen, die seine Gegner als “unfassbare Lethargie” in entscheidenden Situationen interpretierten. Seine letzte Schlacht bei Waterloo war ebenfalls von unerklärlichen (Fehl)-Entscheidungen geprägt, so dass die schon fast geschlagenen Engländer und ihre Verbündeten schließlich doch noch von den Preußen unterstützt werden konnten und die Franzosen definitiv besiegten… Auf dem Höhepunkt der Schlacht überfiel Napoleon wieder ein “lethargischer Schlaf” – und als er erwachte, war alles verloren.

Die Wissenschaft ist sich – wie erwähnt – uneins. Wenn es epileptische Anfälle gewesen sein sollen (und da wäre Napoleon in guter Gesellschaft, denn eines seiner Vorbilder, nämlich Julius Cäsar war offenbar auch epileptisch krank), dann stellt sich die Frage, welche Art von Epilepsie? Und das ist rückwirkend und angesichts der damals natürlich nicht sehr fachbezogenen Schilderungen schwierig. Oder war es nur ein “epileptischer Charakter”, wie man früher vermutete? Oder nur ein jähzorniger Hitzkopf mit viel Glück? Oder so genannte epileptische Äquivalente, was seine zeitweise tiefe Schlafzustände und so manche Charaktereigenschaft erklären könnten? Früher sprach man auch von affekt-epileptischen Psychopathen, epilepsieähnlicher Äußerung hysterischer Veranlagung, von Dämmerzuständen, Krämpfen und Absencen (kurzfristige Bewusstseinstrübung oder -einengung) durch Affekterregungen usw. Außerdem brachte man noch ein Schilddrüsen-Leiden ins Gespräch bzw. eine Funktionsstörung der Hypophyse (Stichwort: Körpergröße, Fehlen des äußeren Drittels der Augenbrauen, später Verfettung und Apathie u.a.).

Letzten Endes aber muss die Wissenschaft zugeben, dass Napoleon auch in organ-medizinischer sowie psychiatrischer Hinsicht ein unerklärliches Phänomen bleibt. Wahrscheinlich sind es mehrere Einflüsse, die sich hier zu einer Persönlichkeitsstruktur verdichteten, die – und das ist für alle unbestritten – Europa und die Welt veränderten. Eines aber wird auch hier deutlich: Wenn es sich unter diesen Gesichtspunkten um einen “einfachen Mann von der Straße” handelt, dann kann es schon Turbulenzen genug geben. Handelt es sich um einen Politiker in führender Position, ggf. einen (wenn auch selbsternannten) Kaiser in letztlich absoluter Monarchie und entscheidenden Heerführer zugleich, dann sind körperliche und/oder seelische Schwäche von entscheidender Brisanz.

In Napoleons Aufstieg und Niedergang kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck, gleichgültig, welche Diagnose man ihm zuordnet.

Mit freundlicher Genehmigung und meiner Danksagung an Prof. Dr. Volker Faust für diesen ausführlichen Artikel. Siehe seine Seite: Psychosoziale Gesundheit.

Nachtrag: Napoleon I. ist laut DNA an Magenkrebs gestorben und nicht an Arsenvergiftung: http://www.ibdna.com/regions/UK/EN/?page=TruthAboutNapoleonsDeath


Siehe auch Offenbarungen der Kaiserin Eugénie

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