Konradihaus im 3. Reich

Die Zugehörigkeit zur HJ von amtlicher Seite wurde erstmals im Oktober 1935 aufgegriffen. Bei einer Schulvisitation erkundigte sich Oberregierungsrat Mildenberger nach dem Verhältnis zur HJ in den einzelnen Klassen, behandelte aber die Konradinger trotz ihrer verneinenden Antwort sachlich und fair. In der abschließenden Konferenz betonte er allerdings, dass auch die Seminaristen für die HJ erfaßst werden müssten. Wenn sich herausstellen sollte, dass die Konviktoristen keine nationale Erziehung erhielten, so sähe sich das Ministerium gezwungen, ihnen den Besuch höherer Schulen zu verbieten. Direktor Dr. Breithaupt, von Haus aus demokratisch gesinnt und mit seinem ganzen Wesen Humanist, dachte nicht daran, etwa für die HJ zu werben; natürlich legte er ihr auch nichts in den Weg, sondern verhielt sich durchaus korrekt.

Zu einer offenen Kampfansage an das Konradihaus kam es im Herbst 1936.

Am 12. Oktober 1936 (5. Jahrg. Folge 24) war in der „Bodensee-Rundschau“ unter der Überschrift „Hitler-Jugend am Werk. Tag der Pimpfe und Jungmädel – Kundgebung im Konzil“ folgendes zu lesen:

„Die große Winteraktion der Partei begann im Gau Baden am Samstag mit dem Einsatz der Hitler-Jugend. In den Morgenstunden marschierten unsere Pimpfe mit schneidigen Liedern durch die Straßen der Stadt, so wie Pimpfe es müssen. Und dann kam das große Ereignis des Tages, die Inbetriebnahme der neuen Heime im neuen Haus der Jugend im ehemaligen Kindergarten. Stammführer E. übergab die Räume…

Am frühen Abend marschierten die Konstanzer HJ-Gliederungen ins Konzil zur großen Kundgebung, an der auch die Gliederungen der Partei teilnahmen und zu der sich zahlreiche Gäste aus der Bewegung, des Staates und der Behörden sowie auch viele Eltern eingefunden hatten.

Bannführer H. Eröffnete den Abend, dessen musikalischen Teil das HJ-Bannorchester bestritt, und verabschiedete dann den ersten Läufer der Landesstafette mit der Parole des Bannes 114, des Jungbannes 1/114 und des Jungbanns 2/114 an den Reichsstatthalter: ´Jungen an der Grenze. In stiller Arbeit am deutschen Menschen wachsen sie heran als Bollwerk gegen finstere Mächte, die Deutschlands Licht hassen. Was sie dazu tun können, wollen sie wahr machen, dass Deutschland seine Sendung erfülle, als das, was es sein soll nach des Führers Wille, ein einiges Reich, Insel des Friedens und der Kraft. Hitler-Jugend am Werk´.

Als der Läufer den Saal verlassen hatte, ergriff Hauptschriftleiter Pg.B. das Wort, und seine oft von Beifall unterbrochenen Ausführungen waren vor allem ein starkes Bekenntnis der Partei zur Hitler-Jugend als der Garantin des nationalsozialistischen Staates. Seine Abrechnung mit dem Bürgertum, das immer und ewig an der Jugend herumzumeckern habe, war so erfrischend, wie seine Ausführungen über die grauenhafte bolschewistische Jugenderziehung überzeugend war. Die Hitler-Jugend und ihr Führer waren es, welche die neue Feiergestaltung erfunden haben, eine Feiergestaltung, die noch in Jahrhunderten Ausdruck der deutschen Seele sein wird. Die Hitler-Jugend muß den Weg der Leistung gegangen sein, ihr Leben ist einfach und hart: denn aus ihren Reihen werden einmal die Männer hervorgehen, die das Werk zu vollenden haben, das der Führer begonnen. Tapfer, treu und stolz wird diese Jugend die Aufgaben erfüllen, die ihr gestellt sind, und sie wird nie die Opfer vergessen, die von Männern der SA und der SS an Gut und Blut gebracht worden sind, damit ein Reich erstehe und eine Nation, die nie mehr vergehen können.

Im Anschluß an die Rede des Pg.B. sprach Unterbannführer Pg.F. einmal ausführlich über die Aufgaben der Hitler-Jugend, da es auch in Konstanz immer noch eine Reihe von Leuten gibt, die glauben, über die Interessen der HJ hinweggehen zu können. Besonders klar hat Pg.F. die Grenzen gezeigt, die der Schule und der Hitler-Jugend in ihrer Erziehungsarbeit an Jungen und Mädeln zustehen. Wissen und Können lehrt die Schule, die Ausrichtung aber im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung, die Erziehung zur Kameradschaft und zur Gemeinschaft, das ist der Hitlerjugend vorbehalten.

Und wenn Pg.F. dann auf Verhältnisse zu sprechen kam, die, wenn auch durch besondere Abmachungen bedingt, geeignet sind, den Aufbau und die Geschlossenheit dieser Jugend zu beeinträchtigen, so fand er hierfür volles Verständnis und erntete Beifall.

Der Dank der Konstanzer HJ an die Stadtverwaltung für die gelöste Heimfrage und ein Überblick über die weitere Arbeit bildeten den Abschluß der Kundgebung.“

In Wirklichkeit ging es bei der letzten Rede gar nicht sachlich zu, wie es scheint. Es ging vielmehr über Gymnasium und Konradihaus ein richtiges Gewitter nieder: Alle übrigen Schulen seien in der HJ, nur das Gymnasium nicht; das Konradihaus würde die Stadtschüler infizieren. Sie hätten beim Einholen des Maibaums aus dem Fenster geschaut und die unter strömendem Regen vorbeiziehende HJ-Begleitung angegrinst. Das sei das wahre Gesicht. Das Gymnasium sei nicht wert, den Namen Schlageters zu tragen.

Was sich im Konzil am Samstagabend abgespielt hatte, war am Sonntag Stadtgespräch. Im vollen Bewusstsein der Tragweite des Angriffs suchte Rektor Lang gleich am Sonntagnachmittag den Kreispressewart V. auf, den Verbindungsmann zwischen Schule und HJ. Dieser hatte selbst an der Versammlung teilgenommen und zeigte sich empört über die Hetze. Um größeres Unheil zu verhüten, versprach er einen Besuch auf der Kreisleitung, vor allem aber gegen Abend auf der „Bodensee-Rundschau“ um den zu erwartenden Bericht in eine maßvolle Form zu bringen, jedenfalls soweit wie möglich zu entschärfen. Der letztere Teil hatte ganz anders gelautet. Dieses mutige Eingreifen in der Setzerei hatte, wie sich denken lässt, für ihn ein dramatisches Nachspiel…

Auf einen Protest der Gymnasiums-Direktion beim Unterrichtsministerium erschien von Karlsruhe am 24. Oktober 1936 Ministerialrat Kraft in Konstanz, um das heiße Eisen HJ und Konradihaus persönlich anzufassen. Das geschah im „Deutschen Haus“ zusammen mit Direktor Breithaupt Direktor Müller, Überlingen-Salem, und Rektor Lang. Herr Kraft wandte sich zunächst gegen den Verdacht, das die ganze Aktion im Konzil vom stellvertretenden Kreisleiter S. aufgezogen worden sei und betonte, sie gehe vielmehr auf Kosten des Unterbannführers F. Dann unterbreitete er den Vorschlag des Ministeriums: Ob nicht das Konradihaus, gegen das doch die Beschuldigungen im Grunde erhoben worden seien, es stelle sich gegen die Bewegung und sei gegen den neuen Staat, der ganzen Sache dadurch ein Ende machen könnte – auch mit Rücksicht auf die Schule und ihren Direktor -, daß die Zöglinge in die HJ eintreten würden? Der Rektor solle offen zu diesem Vorschlag Stellung nehmen. Und der Rektor entgegnete offen: eine Hausordnung wäre nicht mehr möglich. „Vorteile?“ Er sehe keine. Ob es etwa ein Vorteil wäre, wenn die HJ an der Streicher-Versammlung in Hagnau (wo der Schriftleiter des „Schwarzen Korps“ den Erzbischof so verleumdete, daß dieser in der Predigt am Konradifest sich bitter über das ihm angetane Unrecht beklagte) teilnehmen mußte? Gesetzt den Fall, das Konradihaus wäre in der HJ gewesen, der Rektor aber hätte den Besuch verboten, was dann? „Ja, das hätte er nicht tun dürfen. Sonst wäre er untragbar gewesen.“ Außerdem wäre die Sache für alle Konvikte gleich geregelt, der einzelne Rektor könne da für sich nichts unternehmen. Maßgeblich seien die Anordnungen des Bischofs und des Papstes. In Italien sei die Seminar-Jugend auch nicht in der Ballila. Der Ministerialrat verschloß sich diesen Argumenten nicht. Er meinte, man müsse aber zu einer Klärung kommen, die in der Zeitung bekanntgegeben werden sollte. Zu diesem Zwecke wolle er selbst mit dem Erzbischof reden. Die Agitation Streicher verurteilte er übrigens sehr (wie den im Konzil bestellten „Beifall“) und war der Auffassung, Streicher schade der Partei mehr als er ihr nütze; man könnte meinen, er sei von der Gegenseite bezahlt. Dr. Breithaupt sprach er sein volles Vertrauen aus für die umsichtige Leitung der Schule.

Da aber die Partei regierte, behielten die Stimmen in der Stadt recht, die behaupteten, daß Dr. Breithaupt früher oder später wohl das Feld räumen müsse. Zum großen Bedauern der Gymnasialgemeinde war das zu Ende des Schuljahres schon der Fall. Bei der Schlußfeier am 19. März 1937 gab er bekannt, daß er sich durch „höhere Gewalt“ genötigt sähe, auf die weitere Leitung der Schule zu verzichten und als Professor nach Freiburg zu gehen, obgleich das Ministerium gegen seine Person und Amtsführung nicht das geringste einzuwenden habe.

Auch in der Folgezeit konnte sich das Gymnasium das Wohlwollen der zuständigen Stellen der Bewegung nicht erwerben, Liebe und Gegenliebe stellten sich aus verschiedenen Gründen, die im einzelnen hier nicht erörtert werden können, nicht ein. Noch während des zweiten Weltkrieges war die Partei mit dem Geist dieser Schule nicht zufrieden. Anfang Mai 1945 erzählte ein Mitglied des Lehrerkollegiums dem Rektor, daß Kreisleiter W. sich einmal bei ihm beklagte und das Gymnasium als „antinationales S…….“ bezeichnet habe. Professoren wie Konradinger seien in gleicher Weise Gegenstand seiner Unzufriedenheit oder seines Zornes gewesen, herrührend von seinem Mißerfolg beim Werben für die Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt, Oberschule mit Internat für Jungen in der Anstalt Reichenau-Wollmatingen). Er, der Lehrer, dessen Beförderung darum auch verhindert worden war, habe berichtigt: „Antinational sind wir nicht, Herr Kreisleiter!“.

Fortsetzung folgt.

(Auszug aus der Festschrift zur Einweihung des Hauses am 9. Mai 1962).  Zur Chronik