Napoleon III. – die Sphinx, eine Rehabilitation

Rehabilitation einer „Sphinx“ von der Seine

Vorab: Ein Verweis zu einer Seite, welche die wahre Wesensart von Napoleon III. von Kindheit an beschreibt. Es handelt sich um eine Darstellung Louis bei InspiraWiki – sehr empfehlenswert. Einiges welches dort über Napoleon III. beschrieben ist, ist mir bereits bekannt. Im Jahre 2005 anlässlich einer Matura-Arbeit entstand ein sehr umfangreiches Werk. .Schwerpunkt der Thematik dabei waren die jungen Jahre des Prinzen Louis, seine Kindheit und Jugendjahre. Diese beinhaltet viele Erzählungen, Überlieferungen und Anekdoten aus damaliger Zeit. Besonders beeindruckend das Verhalten des jungen Prinzen gegenüber verarmten Menschen, wie die auf Inspirawiki geschilderte Version, jedoch anders, aber eben inhaltlich wie ein heiliger Sankt Martin, der „nur“ seinen Mantel teilte. Der Autor R. K. beabsichtigt diese Matura-Arbeit noch zu erweitern und hoffentlich bald zu publizieren. Das PDF-File, welches er mir im Jahre 2010 freundlicherweise als Kopie schenkte, verspricht ein sehr gutes Buch zu werden und ich wünsche ihm viel Glück und Erfolg dabei.
Erwähnt wird diese mildtätige Episode aus dem Leben des jungen Prinzen auch in der Biographie von Rudolph Gottschall, “Kaiser Napoleon III.: Eine biographische Studie” auf Seite 24. Die Besonderheit dieses Buches: Es wurde zu Lebzeiten des Kaisers Napoleon III. geschrieben im Jahre 1859. Hier zur Leseprobe.

——

Er trug seinen Bart angeblich nicht der Schönheit willen. Für ihn war der Bart eher eine Maske um sein Mienenspiel gegenüber seinen Gesprächspartnern zu verbergen.  Er wurde somit undurchschaubar – eben eine Sphinx. Ob dies der Wahrheit entspricht, mag dahin gestellt sein. Ich kenne jedenfalls kein Bildnis – auch nicht aus seiner Jugendzeit – wo er ohne Bart abgebildet wurde.

Kein anderer Regent wie Kaiser Napoleon III hat so viel für die Franzosen des Second French Empire getan. Deshalb ist mir die Ignoranz gegenüber ihm in Frankreich unverständlich. Sicher, er hat die Schlacht bei Sedan und den Krieg verloren, welchen er ja bekanntlich nicht selbst verschuldete und er war auch sonst bestimmt nicht ohne Fehler (Schuldfrage lag bei Fürst Otto von Bismarck,  in der französischen Regierung sowie indirekt beim Vatikan). Jedoch Napoleon I. – um welchen heute immer noch ein Kult betrieben wird – verlor mehrere Schlachten und lies dabei seine Soldaten gleich mehrfach im Stich. Im Gegensatz dazu begab sich Napoleon III freiwillig bei Sedan 01.09.1870 in Gefangenschaft, um seine Truppen zu schützen und um weiteres Blutvergiessen zu verhindern. Somit verhinderte er ein noch grösseres Gemetzel an seiner französischen Armee. Unverständlich auch die Haltung der dritten Republik, den aussichtslosen Krieg fortzusetzen auf Kosten von Menschenleben. Stellvertretend ist hierfür die Aussage aus Arenenberg auf dieser Seite zu lesen und man erfährt auch mehr über die soziale Ader von Charles-Louis-Napoléon.

Als General Prim erfuhr, mit welcher Heftigkeit Frankreich (siehe Emser Depesche) sich gegen die Berufung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron auflehnte, da rief er verblüfft: „Was! Napoleon widersetzt sich? Daraus mag ein anderer klug werden.“ Er erzählte, dass er ein Jahr zuvor, 1869, in Paris gewesen ist und eine Unterredung mit Napoleon III. hatte. Der Kaiser habe ihm gesagt: „Aber lieber General, warum bieten Sie die spanische Krone nicht dem Prinzen von Hohenzollern an? Er ist mütterlicherseits mein Neffe, und Sie können keinen geeigneteren Fürsten finden.“ Eben dieser Gedanke war Kaiserin Eugenie, spanischer Herkunft, unsympathisch.

Es wird berichtet, am 14. Juli 1870 war eine Anzahl vom Kaiser geschätzter Offiziere zu Essen nach St. Cloud befohlen. Als der Kaiser freudestrahlend eintrat fragte er sie: „Nun, meine Herren, sind Ihre Effekten für den Feldzug bereit?“ Ein brausendes Ja war die Antwort. „Wohl“, sagte der Kaiser mit fröhlichem Ausdruck, „dann packen Sie wieder aus; denn, Gott sei Dank, der Frieden ist gesichert.“ Bei den Offizieren fand dies nicht gerade einstimmigen Beifall. Am selbigen Abend kam es zu einem Gespräch zwischen Kaiser, Kaiserin, Herzog von Gramont und Baron Jerome David, welche mit neuer Kunde kamen. Danach war alles anders. Als der Kaiser wieder erschien im Saale, war sein Aussehen erschreckend verwandelt, das Gesicht bleich wie der Tod, die Augen halb geschlossen. Er ließ sich nieder und blieb stumm. Der Krieg war entschieden.

Madame Carette, geb. Bouvet, Tochter eines franz. Admirals war 1858 während des Aufenthaltes des französischen Hofes in Cherbourg, wohin Königin Viktoria zum Besuche ihres Alliierten gekommen war, der Kaiserin vorgestellt worden. Dies fand Gefallen an ihr und sie fungierte fortan erst als Vorleserin, dann als Hofdame und Vertraute Eugenies. Sie versicherte, Napoleon III. habe bei Sedan den Tod gesucht und durch die Kapitulation, als alles vergebens war, 50000 braven Soldaten das Leben gerettet.

Was hat der Vatikan damit zu tun? Die Frage der weltlichen Herrschaft des Papsttumes spitzte sich von Tag zu Tag schärfer zu. Frankreich soll den Protestanten Einhalt gebieten. Und wer ist für die Interessen des Vatikans am Hofe Frankreichs am besten geeignet ? Eugenie – streng gläubig, katholisch und Verehrerin des Papstes. Eugenie hatte nicht nur Mode im Sinne, auch ihre Einflussnahme in Staatsgeschäften wurde immer stärker. Der Krieg von 1870 wurde schon in Rom angezettelt, ehe sich Paris ernstlich damit beschäftigte. „Die Folgen der Einmischung Roms in politisch-nationale Angelegenheiten der Staaten sind u. a. aus der Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges bekannt,“ sagte Fürst Bismarck.

Es wird auch berichtet, das Emperor Napoleon III während der Schlacht bei Sedan meist bewusstlos im Sattel saß, da er an unsagbaren Schmerzen seines langjährigen Blasenleiden (Blasensteine – oder waren es doch Gallensteine?) litt. Selbst Eugenie erfuhr von den Leiden ihres Gatten anscheinend erst, als dieser in Gefangenschaft auf Wilhelmshöhe war. Das Leiden hatte er etwa seit 1864 und er hielt es unter strengster Geheimhaltung seitens seiner Ärzte.  Welche Auswirkungen seine Krankheit hatte, können Sie unter meiner Seite  https://stoessel.wordpress.com/napoleon-iii-krankheit/ ausführlich erfahren. Demnach wäre der Krieg für Frankreich nicht verloren gegangen, wenn Napoleon III. körperlich und dadurch seelisch gesund gewesen wäre.

Weder Napoleon III. noch seine Frau Eugenie wollten den Krieg von 1870: Die Geschichte lügt.

Das Zweite Kaiserreich (Second Empire) erblühte förmlich zu jener Zeit der Regentschaft Napoleon III:
Es ist die Zeit des Prunks und des großen Stils: man führt Offenbach auf, die Seebäder sind in Mode, die Kunst boomt. Besonders sei erwähnt, die Entstehung des Impressionismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vertreter dieser Kunstrichtung waren beispielsweise Édouard Manet, Claude Monet, Auguste Renoir, Paul Cézanne und Paul Gauguin. Die kunstgeschichtlich bedeutsamste Ausstellung ist die von 1863, die auf Initiative von Napoléon III. zustande kam, nachdem die Jury aufgrund ihrer Auswahlmethoden in die Kritik geraten war. Der sogenannte Salon der Zurückgewiesenen – Salon des Refusés.

Gründung des ersten Naturwaldreservates der Welt von Fontainebleau 1861 auf auf Anstoß der Künstler der “Schule von Barbizon”.
Die großen Bauvorhaben, die Haussmann, Präfekt von 1853 bis 1869 im Auftrag des Kaisers, in Paris durchführen lässt und wie wir es heute kennen, sind Symbol des ungeahnten Aufschwungs des wirtschaftlichen Lebens in dieser Zeit. (Anmerkung: Ohne die Verdienste von Haussmann zu schmälern waren doch die Ideen für die Gestaltung Paris von einer von Napoleon III. ins Leben gerufene Kommission unter Henri Siméon dafür verantwortlich und Haussmann eher der Bauleiter. Dies ist erst seit den 1990ern bekannt geworden). Boulevards, Prachtbauten und viele Parks machten Paris somit zu einer der schönsten Metropolen der Welt. Napoleon III. vergaß auch nicht die Armen, ließ Armenhäuser errichten und sorgte für Essensverteilung an Bedürftige. Neben den vielen Parks lies er auch etwa 600 000 Bäume (← Sendung auf Arte vom 29.05.2011, leider von ARTE aus dem Archiv genommen) in der Stadt pflanzen. Er liebte die Natur und stellte bereits als Prinz bei der Planung und Gestaltung im Park von Arenenberg seine Begabung unter Beweis. Hatte er doch zu jener Zeit einen berühmten Lehrmeister: Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Ich entsinne mich irgendwo gelesen zu haben, dass die Boulevards nur dem einen Zweck dienten, bei Revolten die Massen mit Kanonen in Schach halten zu können. Diese Absicht von einem Arbeiter-Kaiser, wie Golo Mann ihn bezeichnete?? Er ordnete neue Hygienevorschriften an und sorgte für bessere Lebensqualität durch den Bau der Kanalisation, die Schaffung von drei großen Parks in Paris (Parc Monceau, Parc Montsouris und Parc des Buttes-Chaumont) mit der klaren Absicht, diese für arme Arbeiterfamilien als Alternative zu den Bistros am Sonntag. Einer der eindrucksvollsten und beliebtesten Parks in Paris ist der „Buttes-Chaumont„, welcher aufwändig unter Napoleon III. 1864-67 entstand und jetzt der Restauration bedarf.

Napoleon III. kümmerte sich auch um den Erhalt von mittelalterlichen Sehenwürdigkeiten, welche sonst nach der französischen Revolution dem Zerfall anheim gefallen wären, wie Besipielsweise die Kathedrale Notre Dame, Mont Saint-Michel, Carcassonne, Vézelay Abbey, Pierrefonds und Burg Roquetaillade. So war er auch Förderer und Interessierter der Archäologie wie beispielsweise bei den Spuren der Gallier und deren Kultur. Wem sagt der Name Vercingetorix nichts und seine Niederlage gegen Cäsar.

Für Frankreich beginnt das industrielle Zeitalter: große Kreditinstitute werden gegründet (der Crédit foncier und der Crédit mobilier der Brüder Pereire im Jahr 1852, der Crédit industriel et commercial 1859, usw.); Namen wie Stahl-Tycoon Eugène Schneider oder Bank-Mogul James de Rothschild sind Symbole für den Zeitraum. Zwei der größten Banken Frankreichs, Société Générale und Crédit Lyonnais, existieren noch heute und wurden in diesem Zeitraum gegründet;
Das Transportwesen wird ausgebaut (3100 km Eisenbahnlinien im Jahr 1851, 17000 am Ende des Empire, die großen Kaufhäuser werden eröffnet (Le Bon Marché, Le Louvre, Le Printemps, La Samaritaine);
Soziale Veränderungen wie juristischer Schutz und Beistand für Arbeiter und Arme, kostenlose medizinische Versorgung Minderbemittelter, Versicherungskassen im Falle der Arbeitsunfähigkeit, Armenküchen, Altersversorgungskassen, Streikrecht und Möglichkeit zu Lohnverhandlungen, Pressefreiheit, Fabriken entstehen (← beispielsweise in Montreuil, einem Vorort von Paris), die französische Industrie überholte in der Kaiserzeit sogar die englische Industrie;

Sein Vater, Louis Napoléon Bonaparte, kurze Zeit König von Holland, sorgte damals bereits dafür, das Holland eines der sozial fortschrittlichsten Staaten Europas wurde. Dies dankte ihm das holländische Volk mit einer Abordnung von Arbeitern bei seiner Beisetzung. Beim Tode seines Sohnes, Napoleon III, war ebenso eine Delegation, jedoch von französischen Arbeitern, zu seiner Beisetzung in England.
Napoleon III hatte noch viele Ideen, welche er nicht mehr umsetzen konnte. Wie sagte Lord Palmerston einmal über ihn: „Der Kopf des Kaisers gleicht einem Kaninchengehege; Gedanken werden dort fortwährend wie Kaninchen geboren…“ oder der Ausspruch von Drouyn de Lhuys: „Der Kaiser hat ungeheure Wünsche und beschränkte Fähigkeiten; er will außergewöhnliche Taten vollbringen, und vollbringt nur ungewöhnliche.“

Aber auch Kaiserin Eugenie sollte ins rechte Licht gerückt werden. Es gibt eine Biographie von Harold Kurtz: „Eugénie – Kaiserin der Franzosen“ Rainer Wunderlich Verlag Tübingen, 484 Seiten. Prof. Golo Mann wurde durch dieses Buch eines besseren belehrt, wie er in der Ausgabe des Spiegels 1/1966 vom 03.01.1966 öffentlich über seine Fehleinschätzung von der Kaiserin schreibt.

Hier ein paar Auszüge von Golo Mann im „Spiegel“:

…Man sieht, auch dem Gutwilligen fällt es nicht leicht, die Legenden um Kaiserin Eugenie zu zerstören. Niemand weiß das besser als der Schreiber dieser Zeilen, denn in einem Beitrag zur „Propyläen-Weltgeschichte“ habe ich sie so geschildert: „Die ist nichts als schön – Bismarck nennt sie die schönste Frau ihrer Zeit; nichts als bigott, nichts als gefallsüchtig, herrschsüchtig, egoistisch und leer.“…Das schrieb ich nach bestem Wissen und Gewissen, gestützt auf Memoiren, auf zeitgenössische Berichte. Sie waren so falsch wie der Illustrierten-Artikel. Hätte es doch damals schon die Biographie von Harold Kurtz gegeben…

Was Wunder, daß sie 1918 nicht viel von Wilsons „Vierzehn Punkten“ hielt, daß sie die Gründung solcher neumodischer Kunststaaten wie der Tschechoslowakei verurteilte und dann gegen den Frieden von Versailles wetterte: „In jedem Artikel dieses Friedensvertrages sehe ich ein kleines Ei, eine Keimzelle weiterer Kriege … Die Alliierten erlegen unmögliche Bedingungen auf. Damit nicht zufrieden, gehen sie daran, die deutsche Seefahrt, den Handel, alles zu vernichten. Wie kann Deutschland jemals das Geld aufbringen, um seine gerechten Schulden zu bezahlen? Wahnsinn! Verrücktheit!“…

Damals sah sie auch das Ende der europäischen Monarchie gekommen. „Der Kaiser (Wilhelm II.) wird sicher abdanken; die anderen gekrönten Häupter werden auch gehen – mit der Zeit werden sie alle gehen. König Georg wird der einzige sein, der bleibt …“

Zu jenen, und zwar schon vor dem Sommer 1870, die sie der Kriegshetzerei aus dynastischem Interesse verdächtigten, gehörte Bismarck, der politische Frauen zeit seines Lebens mit einem fast komischen Haß verfolgte. Die Behauptung ist dann auch in ein deutsches Kriegsgedicht eingegangen: „Die Kaiserin Eugénie, die war ja auch diejenige …“ 1914, wie 1870, soll sie „C’est ma guerre“ gesagt haben, aber es ist kein wahres Wort daran...(siehe auch ihre Aussage unter „Offenbarungen der Kaiserin Eugenie“).

…Als Louis Napoleon Präsident der französischen Republik wurde, besaß er nichts als Schulden, und Eugéniens Mutter auch nicht viel mehr; als der Kriegsgefangene nach Schloß Wilhelmshöhe geführt wurde, hatte er 260 000 Franc bei sich und, wie er mit Stolz betonte, im Ausland nicht einen Pfennig…

…Immer fällt, bei der angeblichen Reaktionärin, der Zug zum Modernen auf. Sie (Eugenie) unterstützte die Forschungen Marconis, der ihr die Geheimnisse seiner drahtlosen Telegraphie erklärte; dem Lazarett, das sie 1914 in ihrem englischen Landhaus organisierte, mußten die allerneuesten Apparate und Künste zur Verfügung stehen; kryptisch äußerte sie kurz vor ihrem Tod: „Unsere Epoche ist ein neuer Anfang, alles muß auf neuen Grundlagen neu errichtet werden …“ Während des Alfred Dreyfus-Prozesses ergriff sie mit Feuereifer die Partei Emile Zolas und des geopferten Hauptmanns. Gibt es eine klarere Widerlegung der These, ihre Politik sei vor allem klerikal gewesen?… Siehe Dreyfus-Affäre

Der vollständige Artikel ist online im Spiegel zu lesen:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46265212.html und als PDF mit Bildern.

Folgender Artikel vom 02.02.2012 im Internet und die Kommentare dazu sind sehr lesenswert:  „The Mad Monarchist„.

——————

Réhabilitation Napoleon III. contre la République

Dans son hommage à Philippe Séguin, le président de l’Assemblée nationale Bernard Accoyer a rappelé que Philippe Séguin avait écrit un livre dans lequel, „rompant avec la tradition héritière de Victor Hugo, il entreprit de réhabiliter la mémoire de Napoléon III, substituant au personnage caricatural de Badinguet la vision d’un empereur moderniste et soucieux du bien commun, qui équipa et enrichit la France“.
Anmerkung: Badinguet ist ein satirischer Spitzname von Napoleon III.

Weiter mit den Offenbarungen der Kaiserin Eugenie.